Magazin

09. Oktober 2011

Hier erzähle ich von den Büchern, die ich gelesen habe, aber nur selten von Neuerscheinungen und auch nicht in Form üblicher Rezensionen. Mich interessieren – neben Krimis – alle Arten von Büchern, ob alt oder neu und egal welchen Genres; sie müssen nur dieses ganz Besondere an sich haben … Ich werde zum Beispiel neugierig auf Bücher, wenn mir andere (ob Menschen oder Bücher) voller Begeisterung davon berichten und ein spezielles Detail herausgreifen. Vielleicht findet in den von mir erlesenen Büchern jemand anders für sich das ganz Besondere.

Rund um solche Bücher gibt es weitere Geschichten, die wahr sind, auch wenn sie wie erfunden klingen: Lebenswege von Buchmenschen oder Themen, die auf überraschende Weise und an erstaunlichen Orten auftauchen – manchmal auch hier, als Versuch.

Lesende (und schreibende) Menschen sind auch gern gesellig; dann treffen sie sich am liebsten bei Gelegenheiten, die auch im weitesten Sinne mit Büchern zu tun haben.

Begleiten Sie mich in die Buch-Abenteuer!

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Februar 2014

28. Februar 2014

Liebe Lesende,
wenn ich in dem Schneckentempo weiterlese, brauche ich ungefähr noch acht Leben, um auch nur all die Bücher zu lesen, von denen ich jetzt schon weiß, daß ich sie lesen will – ganz zu schweigen von denen, die bislang meinen Horizont noch gar nicht gestreift haben …

6576_106x150Otto Krätz: Gartengeflüster. Callwey, 2009
Es war der Untertitel „Pikantes und Unterhaltsames aus der Geschichte der Gärten“, der mich zum Kauf dieses Buches gelockt hat, und auch die wunderschöne Gestaltung des Umschlags. Ich glaube, ich kann dieser Mischung von Pastell- und kräftigen Farben auf mattsepiagetöntem Untergrund – so wie alte botanische und andere Zeichnungen oft und manchmal auch Fotos sind – einfach nicht widerstehen. (Ich glaube, ich weiß auch, warum: Erinnert mich daran, daß ich Euch gelegentlich von Ruth Koser-Michaels erzähle.) Äh, und das „Pikante und Unterhaltsame“ natürlich, wobei ich ersteres jetzt nicht sofort mit dem Thema Garten in Verbindung gebracht hätte.
Zum Buch: Otto Krätz scheint sich hauptsächlich mit Naturwissenschaftsgeschichte zu befassen, aber er kann sie auch munter und ansprechend vermitteln, wie die 53 kurzen Kapitel zu allen denkbaren Aspekten des Gartens zeigen. Jeweils opulent illustriert mit Gemälden, Zeichnungen, Fotos, alter Werbung und ähnlichem, wird jedes Kapitel zu einem Appetithappen, nach dessen Genuß man sich sofort näher mit dem behandelten Gartenaspekt beschäftigen will, sei es Mumiendüngung, der Gärtner in Mörderrolle, Rasenpicknicks oder Wintergarten-Turteleien. Weder die Mode von Gärten und ihren BesitzerInnen noch die verschlungenen Wege, auf denen Pflanzen vom Exotengewächs zum typischen Vorgartenbestand mutieren, bleiben unberücksichtigt.
Einziges Manko: durch die farbigen Hintergründe ist es mitunter schwer, die Schrift zu entziffern. Aber wo gibt es schon das perfekte Buch? Dieses kommt schon recht nah ran, auch wenn Gärten nicht unbedingt mein Hauptthema sind.

6694_83x150Nevada Barr: Burn. 2010
Zum Buch: Zwei Frauen: Die eine ist Schauspielerin aus Seattle und steht unter Verdacht, ihren Mann und ihre beiden kleinen Töchter ermordet zu haben. Doch sie ist davon überzeugt, daß ihre Töchter noch leben und entführt wurden. Die andere – Serienheldin Anna Pigeon, von Beruf Park Ranger – erholt sich bei einer Freundin in New Orleans von den Strapazen, die sie im vorigen Band erlitten hat, als sie mit ihrem Mann Urlaub machte, um sich von den Strapazen des vorvorigen Bandes zu erholen. Doch sie kann nicht verhindern, daß sie in den Entführungsfall mit hineingezogen wird.
Sehr, sehr dunkles Buch. Ging bis etwa zur Hälfte nicht an mich ran und schleppte sich so dahin (mir fehlten auch die tollen Naturbeschreibungen, wie sie in anderen Bänden der Anna-Pigeon-Serie so wunderbar gelungen sind), die zweite Hälfte jedoch habe ich auf einen Hieb durchgelesen. Nichts für schwache Nerven.

2779_88x150P. D. James: Cover Her Face. 1962
Zwar habe ich die Autorin nun mehrmals gesehen und mich sogar auch schon mal ein paar Minuten lang mit ihr unterhalten, und egal, ob man ihre Bücher mag oder nicht, sie ist einfach bewundernswert, wie sie mit über neunzig noch so agil und (auch politisch) aktiv ist – aber ich gestehe, daß ich ihre Bücher überwiegend nicht kenne. Ich glaube, ich habe bisher nur zwei davon gelesen, beide schon vor längerem; und dabei gilt James doch als große Krimidame, eine legitime Nachfolgerin der englischen Vorkriegs-Krimiqueens. Anläßlich des Zufallsfunds ihrer Autobiographie (siehe unten) habe ich nun ihren Erstling zur Hand genommen – ein signiertes Exemplar, wie ich erfreut entdeckte.
Zum Buch: Erster Auftritt für Detective Chief Inspector Adam Dalgliesh (in dieser Ausgabe konstant als “Dalgleish”) von Scotland Yard, kinderloser Witwer. Gemeinsam mit seinem Detective Sergeant Martin untersucht er einen Mord auf dem Land. Das Dienstmädchen eines mittelvornehmen Anwesens wurde nächtens betäubt und erwürgt, und Verdächtige gibt es reichlich, nämlich alle Bewohner des Hauses, die sie sich vorher gekonnt zu Feinden gemacht hat, sowie eine erstaunliche Anzahl von Personen, die das scheinbar abgeschlossene Haus doch hätten betreten können.
Das Buch ist so alt wie ich (oder vielmehr zwei Jahre älter) und steht noch stark in der Häkelkrimitradition der Vorkriegsjahre, ja, es wäre sicher überhaupt nicht aufgefallen, wenn es 1936 erschienen wäre – höchstens durch seine dichte Erzählsprache und möglicherweise auch den sehr subtilen Humor. Ansonsten ist es durch und durch englisch, aber das ist England ja sowieso durch die Jahrhunderte immer gewesen (scheinbar), und es gibt auch ein Dorffest, Gurkensandwiches und einen schusseligen Pfarrer. Dalgliesh als Ermittler agiert sehr zurückhaltend, wir erfahren über seinen Sergeant mehr als über ihn, besonders Persönliches; das läßt ihn konzentriert und kompetent wirken und war sicher damals auch so üblich. Nur die heutigen Krimifans erwarten mehr Kommissarsprivatleben als Fall, scheint mir.
Deutschsprachige Ausgabe:
P. D. James: Ein Spiel zuviel. Übersetzt von Wolfdietrich Müller. Wunderlich, 1980

6743_123x150Sabrina Melandri: Lesende Frauen. 2007 (aus dem Italienischen von Maria Gallo)
Die Autorin oder eher Herausgeberin hat Romanistik und Anglistik studiert, und möglicherweise sind die deutschen Aspekte dieses Buches durch die Bearbeiterin Nina Merian verstärkt worden, und ob das Buch eine italienische Originalausgabe hat, konnte ich nicht herausfinden. Aber ungeachtet all dessen ist dieser Zufallsfund aus dem Buchladen (einer Kettenbuchhandlung, die sich nicht so viel Mühe mit der Auswahl und Präsentation ihres Bestands gibt) ein Schätzchen!
Zum Buch: Begleitet von unglaublich vielen Gemälden aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die die lesende Frau zum Sujet haben, hat Melandri ein paar Textauszüge zum Thema Lesen zusammengestellt, aber vor allem liefert sie viele Listen, die mal ein bißchen anders als sonst betitelt sind, zum Beispiel „Zehn schöne Romane für verregnete Ferien“ oder „Zehn Romane mit dem gewissen Etwas, die zu entdecken sich lohnen“. Und es ist viel Platz für eigene Listen in diesem „Journal für leidenschaftliche Leserinnen“, wie das Buch sich selbst nennt, und zwar unter Überschriften wie „Bücher, die in meiner Jugend mein größter Schatz waren“ oder „Bücher, ohne die ich verloren wäre“. In den Textauszügen stach für mich heraus, daß Sandor Marai das Wiederlesen für wichtiger hält als das Lesen und daß Ingeborg Bachmann stets auf der Suche nach dem „Buch, das herrlich ist“ war („und eines Tages wird es das geben müssen“).
Ich werde die Liste der zehn Bücher, „die Erwachsene noch einmal lesen sollten“ (ich kenne bislang nur drei davon), zu meiner Suchliste fügen, und ich werde mal darüber nachdenken, welche Bücher „mich als Frau besonders angesprochen haben“.

6742_97x150P. D. James: Time to Be in Earnest. 1999
Ich hatte von dieser Autobiographie schon gehört und daß sie sehr gut sein sollte. Nun fand ich zufällig die deutschsprachige Ausgabe und hab sie einfach mal aufgeschlagen – und fix fertig gelesen. Natürlich hilft es, wenn man die Autorin auch schon mal persönlich erlebt hat, aber ich glaube, ihr Charme funktioniert auch so.
Zum Buch: Besonders interessant fand ich die ungewöhnliche Struktur: James schreibt Tagebuch über ein Jahr, von ihrem 77. bis zu ihrem 78. Geburtstag (1997-98), und zu den jeweiligen aktuellen Ereignissen erzählt sie rückblickend und teils zusammenfassend aus ihrem Leben, was manchmal thematisch paßt und manchmal einfach so dasteht. Insgesamt erhalten wir ein lebendiges und überraschend genaues Bild einer aktiven und verantwortungsvollen Frau, die sich aus ungünstigen Verhältnissen hochgearbeitet hat zu ihrem Traum, Krimischriftstellerin zu sein.
Ich hatte bislang immer gedacht, sie wäre Krankenschwester gewesen; aber da konnte ich mal wieder sehen, wie sehr auch ich immer noch stereotypem Denken verhaftet bin! James hat zwar in Krankenhäusern gearbeitet, aber stets in der Verwaltung, und später war sie im Innenministerium unter anderem mit Sorgerechtsfällen befaßt. Das Ganze wird in ihrer Kurzbio meist als „arbeitete im Gesundheitswesen“ angegeben, und so kam ich – natürlich!!! – auf Krankenschwester (und nicht Ärztin oder Verwaltung oder was es sonst noch alles gibt …). Nun hat James sich sicherlich immer viel engagiert, und sie sieht auch ihren Sitz im Oberhaus, den sie dank ihrer Ernennung zur Baroness einnehmen darf, als ehrenvolle Pflicht an. Aber mir verschlug es beim Lesen schier den Atem, zu wievielen Benefizveranstaltungen sie hetzt, zusätzlich zu ihren Lesungen und sonstigen Auftritten als Autorin – und dann hat sie ja auch noch Familie und Freunde, und vielleicht will sie gelegentlich auch mal was schreiben oder einfach nur nichts tun? Mich beruhigte es sehr zu lesen, daß auch sie die Beantwortung ihrer Post oft aufschieben muß oder es einfach mal tut, weil sie sich erschöpft fühlt. Jedenfalls fand ich diese Mischung aus Gegenwart und Vergangenheit spannend zu lesen, und ihr feiner Sprechstil kommt auch gut rüber (vielleicht ein bißchen steif übersetzt, und es sind auch noch ein paar kleine Ärgerlichkeiten drin, aber insgesamt schön flüssig), und das motivierte mich eben sofort, zu ihrem Erstling zu greifen.
Deutschsprachige Ausgabe:
P. D. James: Zeit der Ehrlichkeit. Übersetzt von Sigrid Langhaeuser. Droemer, 2001.

Christie_Part_102x150Agatha Christie: Partners in Crime. 1929 (1923-28)
Eigentlich ist das gar kein Roman, sondern eine Sammlung von Stories mit Christies Serienfiguren Tommy und Tuppence, aber Christie hat die Geschichten mit einer Art Rahmen versehen, so daß man es in gewisser Weise als Episodenroman nehmen kann.
Zum Buch: Die Spionageabwehr lauert auf einen ausländischen Agenten, der Kontakt aufnehmen will zu einer Detektei. Deren ursprünglicher Inhaber ist bereits verhaftet, aber um die Fiktion aufrechtzuerhalten, springen Tommy und Tuppence Beresford ein. Sie langweilen sich sowieso und übernehmen, während sie auf den Agenten warten, allerlei andere Fälle. Tommy spielt überzeugend den nur an Fakten interessierten Detektiv, während die übermütige Tuppence als seine angebliche Sekretärin das intuitive Element beiträgt, und Albert, den sie bereits bei ihrem ersten Auftritt im Roman The Secret Adversary (Die Abenteuer G.m.b.H. / Ein gefährlicher Gegner) kennengelernt haben, übernimmt den Empfang und die Laufarbeit.
In diesen Stories bezieht Christie sich jeweils auf den Erzählstil einer ihrer damaligen KollegInnen. Das können wir heute nur noch schwer nachvollziehen, denn viele von denen sind sogar in englischsprachigen Landen kaum noch bekannt – wir hier kennen wahrscheinlich nur Arthur Conan Doyle, G. K. Chesterton und Edgar Wallace (und Christie selbst). Soweit ich das erkennen kann, macht Christie es aber sehr hübsch, indem sie eben nicht nur die typischen Plots und den Stil aufgreift, sondern auch innerhalb des Textes Zitate und Anspielungen verteilt, und wenn sie dabei parodiert, dann tut sie es liebevoll. Vermutlich haben sie dann alle zusammen darüber gelacht, wenn sie sich zum Dinner des Detection Club trafen (obwohl diese Dinner tatsächlich erst ein paar Jahre später stattfanden). Ich jedenfalls fand die Geschichten überraschend witzig und durchaus auch spannend, und sie atmen auch sehr schön das Flair der Roaring Twenties (was wohl auch ein Anreiz für die BBC war, 1983 daraus eine TV-Serie namens Agatha Christies Partners in Crime zu machen).
Ich sehe gerade, daß ich in meinem Projekt „Christie im Original und chronologisch lesen“ bisher nicht sonderlich stringent war. Das liegt zum einen daran, daß mir immer noch ein paar ihrer Werke fehlen, und zum anderen, daß ich aus anderen Gründen (zum Beispiel für einen Vortrag) „vorgreifen“ mußte. Auch kommt hinzu, daß ich einige Bücher gerade erst auf Deutsch gelesen hatte, vor allem von den ganz frühen. Aber wie eine Lehrerin meiner Mutter mal sagte: „Diese Schlamperei muß eine andere werden!“
Deutschsprachige Ausgabe:
Agatha Christie: Die Büchse der Pandora. Übersetzt von Lotte Schwarz. Scherz, 1965 / auch unter dem Titel: Die verschwundene Dame. Übersetzt von unbekannt, aber vermutlich Lotte Schwarz. Buch und Welt, 1972

0235_93x150Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Magazin 1. Heyne, 1981
Zum Buch: Ein ehrgeiziges Projekt: Alle Vierteljahr soll ein gut 400 Seiten starkes Periodikum herauskommen, das über die Science-Fiction-Szene berichtet. An Rubriken finden sich in dieser ersten Ausgabe „Fiktion“ (vier Stories: von Joan Hunter Holly, Irmtraud Kremp, Sydney J. Van Scyoc, James Tiptree Jr), „Szene“ (Berichte über Preisvergaben, was sich in den einzelnen Ländern tut, Personalia, Kongresse), „Speculation“ (spekulative Essays), „Cartoon“, „Fact“ (Sachbericht), „SF-Börse“ (suche/biete/tausche), „Autoren“, „Interview“, „Bücher“ (vier Rezensionen), „Hörspiel“ (Bericht), „Art“ (Porträts von SF-Künstlern), „Spiele“ (Rezension), „Über Science Fiction“ (hier ein Bericht über aktuelle französische SF), „Bibliographie“ (Fortführung vom SF-Lexikon bei Heyne), ferner Editorial, Leserbriefe, Rätsel und Vorschau.
Es gab noch kein Internet, und wer damals – so wie ich – nicht in der Szene (welcher auch immer) war, kam an keine Info heran. Insofern war dieses „Magazin“ einfach toll! Auf die Stories hätte ich verzichten können (ich hab sie erst jetzt auch erstmals gelesen), aber die Nachrichten über Länder, Leute und Bücher waren sehr willkommen, fand ich doch da neue Leseanregungen zu einer Zeit, in der ich eigentlich niemanden kannte, der ebenfalls SF las. Und heutzutage ist so ein Konvolut ein wichtiges Element der Genregeschichte, besonders für deutschsprachige Lande. Mit einem Schmunzeln las ich auch den Bericht über das erste Treffen von Leuten, die sich irgendwie mit SF beschäftigten und einen Verband gründen wollten … Mein Lieblingsbeitrag in diesem Band aber ist „Wie groß bin ich als Schwarzes Loch?“ von Joern J. Bambeck, mit dem sich alle das jeweils ganz genau ausrechnen können! Auch wenn man kein Astrophysikcrack ist, kann man den Artikel gut verstehen. (Ich wäre 2,37431 x 10 hoch -23 cm groß.)
Das Heyne Science Fiction Magazin erlebte zwölf Ausgaben, dann wurde es von einem Jahrbuch abgelöst (das offenbar immer noch erscheint, doch dazu irgendwann mal mehr).

0038_97x150Regine Hermenau: Das königliche Herz. Propyläen, 1943
Über die Autorin ist so gut wie nichts herauszufinden, was enorm schade ist. So muß man auf das Vorwort zu diesem Band von Märchen zurückgreifen, das Karl Hobrecker beisteuerte (Bibliothekar und Sammler von Kinderbüchern), der die Autorin offenbar persönlich kannte. Hermenau stammte aus Ostpreußen, und das spiegelt sich in ihren Märchen auch wider, die von der jungen Zeichnerin Amanda Hoffmann (evbenfalls kaum Info) illustriert wurden. Mit dem Märchenschreiben begann Hermenau aufgrund eines Aufrufs im Rundfunk, obwohl sie vorher noch nie ans Schreiben gedacht hatte.
Zum Buch: Zwölf Märchen enthält der Band, und sie sind mir so vertraut wie die der Grimms, von Hauff oder Andersen. Der Stimmungsbogen reicht von ernst, wie etwa das „Märchen von der Frau Sorge“, die gemeinsam mit dem Teufel die Menschen prüft, bis lustig wie das „Vom Wurstprickel, vom Stein im Gurkentopf und von der Zichorie“, aber meist liegen sie näher am Sehnsüchtigen, Verträumten, Lyrischen. Mein Lieblingsmärchen war immer das von der „Katzenlampe“, und das bleibt es auch heute nach dem Wiederlesen; ich fand und finde die Idee toll, daß die vier Winde (modelliert nach Hermenaus Brüdern, nehme ich an, von denen zwei bereits vor der Veröffentlichung tot bzw. gefallen waren) gelegentlich die zwölf Monate in ihrer Höhle besuchen und sich Nachrichten aus aller Welt überbringen. Auch „Prinz Pfeffernuß“ hat sich gut gehalten.
Es gibt im Buch viele Frauen, die aufbrechen, um Aufgaben zu lösen oder Verwünschungen aufzuheben; aber einige von ihnen könnte ich heute schütteln, weil sie ihr Herz unbedingt an dumme Schnösel hängen müssen, die ihre wahren Werte nicht erkennen wollen. Na ja, vermutlich lag’s auch an der Entstehungszeit, und heute muß frau all das Dienen und die Bescheidenheit schon ein bißchen „überlesen“. Dennoch: schön sind sie immer noch und wert, gelesen zu werden. Woher soll man heute sonst lernen, was ein Wurstprickel ist, wie griechisches Feuer wirkt oder wohin die Katzen in ihren Träumen gehen?

Aktuell:
Weitere Science Fiction (ja, auch immer noch John Carter), weitere Krimis (Start meines Leseprojekts „deutschsprachige Krimis“) und zwei sehr unterschiedliche deutschsprachige Romane.

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Januar 2014

31. Januar 2014

Liebe Lesende,
auch wenn ich vorhatte, im Januar noch schnell alle die 2013 angefangenen Bücher zu Ende zu lesen, geschafft habe ich keines davon (eins beinahe gestern noch, aber nun muß es auf die nächste Runde warten). Statt dessen hab ich jeweils in Windeseile vier total andere verschlungen, davon zwei, die ich früher schon mal gelesen hatte, und zwei mir neue.

0541_88x150Anne McCaffrey: The Crystal Singer. 1974-75, 1982 / Killashandra. 1985
Die Autorin ist unlängst hochbetagt gestorben auf ihrem Landsitz in Irland, wohin sie aus den USA zog, sobald ihr Einkommen das erlaubte (Irland hat auch eine für Künstler großzügige Steuerpolitik). Bekannt geworden in der Science-Fiction-Szene ist sie vor allem durch ihre Drachenreitersaga, aber sie hat auch zahlreiche andere Miniserien geschrieben, oft mit anderen zusammen. Ihr Erzählstil ist ungefähr so kompliziert wie ein Volksmärchen (besonders liebte sie offenbar das Aschenputtelmotiv), aber das hat sie eigentlich immer schön gemacht, die Bücher kann man so runterlesen und bereut es nicht. Was mir vor allem an ihren Werken gefällt, sind die starken und aktiven Frauenfiguren, die auch erfreulich selten beweisen müssen, daß ein Mädchen auch das kann, was ein Junge kann – diese Gesellschaft der Zukunft ist weitgehend egalitär. McCaffreys Liebe zur Oper (sie studierte ursprünglich Gesang und Regie, auch eine Zeitlang in Düsseldorf) und ihr Talent, für Jugendliche zu schreiben, führte zu der Kristallsängertrilogie.
An deren zweiten Band mußte ich neulich denken, als ich im Fernsehen mehrere Dokumentationen über die Südsee sah, denn das Buch spielt in einem ähnlichen Umfeld. Doch bevor ich es in die Hand nahm, habe ich schnell noch den ersten Band wiedergelesen.
Zu den Büchern: Darin erfahren wir, wie die ehrgeizige Killashandra zur Kristallsängerin wird, als sie mit ihrem ursprünglichen Traum von einer interstellaren Opernkarriere scheitert. Auf dem Planeten Ballybran werden Kristalle abgebaut, die als Energiewandler und für Kommunikationszwecke eingesetzt werden. Die Kristalle können nur mithilfe von speziellen Trennschneidern gewonnen werden, die mit gesungenen Tönen auf die Kristallschwingungen eingestellt 0642_88x150werden. Das Leben von Kristallsängern ist einerseits spektakulär, weil sie irre gut verdienen, andererseits extrem hart, solange sie im Feld sind. Im zweiten Band erhält Killashandra den Auftrag, auf einem entlegenen Planeten eine besondere Orgel zu reparieren, die mit solchen Kristallen arbeitet. Kaum eingetroffen, gerät sie schon in politische Wirren und wird auf einer einsamen Südseeinsel ausgesetzt. Doch Killashandra ist viel zu hibbelig, um dort auf Rettung zu warten; sie flüchtet und mischt sich unerkannt unter die Rebellen.
Das liest sich, wie gesagt, alles sehr flott und unterhaltsam, und auch wenn der Science-Fiction-Hintergrund mit fremden Planeten und Raumschiffen und Technoschnickschnack im Grunde nur Hintergrund bleibt, so zählen McCaffreys Romane doch zu den erfreulicheren Erscheinungen des Genres, weswegen die Autorin auch mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in die Hall of Fame aufgenommen wurde.
Deutschsprachige Ausgaben:
Anne McCaffrey: Die Kristall-Sängerin. Übersetzt von Barbara Heidkamp. Bastei-Lübbe, 1984. / Killashandra. Übersetzt von Jürgen Langowski. Heyne, 1990.

6701_97x150Tana French: In the Woods. 2007
Dieses Debüt einer Autorin, die international aufgewachsen ist und sich jetzt in Irland niedergelassen hat, wurde mir von einer Freundin sehr ans Herz gelegt. Ich schlug es auf, und etwa fünfzig Seiten später legte ich es nur unwillig kurz aus der Hand – alles in allem habe ich für den 700 Seiten starken Roman etwa zweieinhalb Tage gebraucht. Das liegt am Erzählstil, der manchmal überraschend poetisch aufstrahlt, an der Erzählfigur, die uns an ihren Stärken und Schwächen und vor allem ihrem ungewöhnlichen Lebenslauf teilhaben läßt, und an der Handlung selbst, die wirklich unvorhersehbare Wendungen nimmt (die allesamt durch Vorschau angedeutet werden und dennoch überraschen).
Zum Buch: In einem Vorort von Dublin wird auf einer archäologischen Fundstätte ein ermordetes Mädchen entdeckt – nicht das Opfer eines rituell vor sich hinmordenden Serienkillers, so viel steht schnell fest. Aber warum wurde sie dann umgebracht? Zwei junge Kripoleute erwischen den Fall zufällig und sehen eine Chance, sich damit zu beweisen. Doch es kommt alles völlig anders als geplant und erhofft.
Irre spannend. Sehr gut geschrieben, ich würde sagen: literarisch. (Und schön übersetzt.) Hebt sich in jeder Hinsicht aus der Krimimasse heraus. Wie gut, daß ich den zweiten Band schon habe, auch wenn darin die Erzählfigur wechselt.
Deutschsprachige Ausgabe:
Tana French: Grabesgün. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Scherz, 2008.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Suhrkamp, 2011.
Aufgrund der enthusiastischen Kritiken wollte ich mal reingucken, fand die Hauptfigur eher unsympathisch und wurde total schnell hineingezogen in ihr Leben.
Zum Buch: Es erzählt eine Gymnasiallehrerin (Bio und Sport) aus Vorpommern, wie ihre Schule schrumpft und voraussichtlich bald ganz geschlossen wird. Die Lehrerin übernimmt aber noch eine neue Klasse, die sie wie alle anderen davor in ihrem strengen Frontalstil unterrichtet. Sie tendiert dazu, alles vom biologischen Standpunkt aus zu sehen, und das macht ihre Sichtweise ungewöhnlich und spannend.
Mit Gefühlen hat sie es nicht so; daran scheitert sie auch am Ende, würde ich sagen, und das war es auch, was sie mir nie so recht sympathisch werden ließ. Und dennoch wollte ich das Buch nicht aus der Hand legen. (Es ist, anders als das oben besprochene, recht kurz.) Ich weiß nicht, ob ich von dieser Autorin mehr lesen will, aber ich will unbedingt rauskriegen, wie sie es geschafft hat, mich so zu fesseln (und andere, die das Buch trotzdem nicht mögen)!

Aktuell:
Immer noch ein klassischer Science-Fiction-Roman, John Carter of Mars, dazu als Nachtlektüre die nächste Christie; und das Buch, das ich gestern schon fertig haben wollte: ein Gartenbuch. (Und die anderen vierzig oder so, die ich angefangen hab.) Sowie natürlich auch meine Weihnachtsbücher, die sind aber übersichtlich in der Zahl: drei.

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Dezember 2013

31. Dezember 2013

Verehrte Leserinnen und Leser,
holen Sie tief Luft und atmen Sie den Stallgeruch – mit dem ich selbst eigentlich gar nichts zu tun habe, ich bin auch kein Pferdefan …

Dick Francis: Blood Sport. 1967 / Forfeit. 1968 / Enquiry. 1969 / Bonecrack. 1971 / Slay Ride. 1973.
Vergangenen Monat bin ich echt eingeknickt und hab – teils weil oft unterwegs per Zug, teils als Realitätsflucht – fünf, in Worten: FÜNF Dick-Francis-Krimis gelesen! Das sollte man eh nicht tun, aber ich hab daran auch deutlicher gemerkt, daß seine Bücher doch etwas unterschiedlich sind. Das kann liegen an a) nichts wirklich Neues eingefallen und nur geschrieben, weil Verlag/Markt es verlangt, oder b) zu viel gewollt oder c) Thema eignete sich doch nicht, um Pferd darin unterzubringen …
Zu den Büchern:
3610 (89x150)Blood Sport: Gene Hawkins, der irgendwie für die britische Regierung arbeitet und Bewerber begutachtet, die sich für einen Posten als Spion interessieren, wird von seinem Boß quasi ausgeliehen an einen amerikanischen Freund, dem ein Zuchthengst gestohlen wurde. Gene ist zwar ein total kaputter Typ, also mental und so und sehr depressiv (was ich ihm aber nicht immer so recht geglaubt hab), doch er macht sich aus Pflichtbewußtsein auf die Suche nach dem Tier, das schon das zweite oder vielmehr dritte auf diese Art gestohlene Pferd ist. Die Suche führt ihn von London (mit Abstecher themseaufwärts) nach New York und Colorado, nach Kalifornien und schließlich nach Las Vegas. Was Gene auch so ein bißchen am Leben hält, ist die Tochter seines Chefs (etwas arg jung, aber es passiert ja auch nix), die ihm den Glauben an die Menschheit zurückgibt. War spannend und flott zu lesen.

 
Francis_Forfeit (92x150)Forfeit: James Tyrone ist Rennsportreporter in London und ein weiterer von Francis’ edlen Helden, auch wenn er zunächst mal fremdgeht. Wir geübte Leserinnen wissen aber, daß er einen guten Grund dafür hat – und erfahren es auch bald, nämlich daß Tyrones Frau völlig gelähmt ist und er sie zu Hause pflegt. Im Rahmen seiner Recherchen für eine längere Reportage tritt Tyrone einem fiesen Wettbüromagnaten auf die Zehen, und ab da entwickelt sich das übliche Szenario. Trotzdem ist auch dieser Krimi gut und flott zu lesen, dank einiger kleiner Überraschungen in Plot und Charakterisierung der Figuren.

 

 

Francis_Enquiry (93x150)Enquiry: Der Jockey Kelly Hughes wird verdächtigt, beim Rennen betrogen zu haben, und zusammen mit seinem Trainer vorerst total gesperrt. Den Trainer nimmt das viel mehr mit, weil es ihn auch härter trifft, wie seine Tochter berichtet, die Kelly um Hilfe bittet (also sie den Jockey). Kelly fühlt sich zu Unrecht verurteilt, hat auch schon ein paar Unstimmigkeiten entdeckt und will vor allem die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Dies wiederum führt dazu, daß er diversen Leuten auf die Zehen tritt … na ja, (fast) das Übliche. Sehr schön, daß der Plot eben doch nicht so vorhersagbar ist!

 

 

3609 (90x150)Bonecrack: Der war noch ganz okay, obwohl ich mit dem Helden sehr lange nicht sonderlich warm geworden bin. Neil Griffons Vater, ein Rennpferdtrainer, liegt im Krankenhaus, und so sieht Neil (obwohl von Beruf Buchhalter) mal ein bißchen nach dem Rechten im Stall – bis er entführt und gezwungen wird, einen bestimmten Menschen als Rennjockey einzustellen. Natürlich sträubt sich Neil (und entdeckt dabei seine Qualifikation als Trainer, was niemand je gedacht hätte und alle anderen ihm auch absprechen, vor allem sein Vater), und natürlich ist dieser Möchtegernjockey ein Arschloch – aber Neil kann die Sache zum Guten wenden, zumal er auch merkt, daß der Jockey durchaus was kann. Doch es gibt Leute, denen das nun wieder überhaupt nicht gefällt. Zweite Hälfte zwar süßlicher, aber besser als erste Hälfte.

 

Francis_Slay (90x150)Slay Ride: Dick Francis ist sicherlich auch mal Rennen in Norwegen geritten, und die beiden Länder verbindet ja seit den normannischen Raubzügen so einiges. Dennoch fürchte ich, daß der Autor sich hier übernommen hat. Im Bestreben, endlich auch mal einen Krimi dort spielen zu lassen (vielleicht hat’s ihm ja auch gut gefallen), gurken wir mit seinem Helden David Cleveland, der einen verschwundenen britischen Jockey suchen soll, über die Straßen von Oslo. Außer „kalt und windig“ will sich aber kein Gefühl für den Ort der Handlung einstellen, ich wußte auch nicht so ganz, wen ich von allen auftretenden Figuren nun überhaupt mochte oder nicht, konnte viele auch nicht auseinanderhalten und fand den Showdown total unglaubwürdig. Dabei weiß ich doch, daß Norwegen ein spannendes Land mit ungewöhnlichen Features ist, selbst wenn ich noch nicht dort war. (Aber wer je Stefanie Baumms Urlaubserzählung gehört hat oder mal ein paar Jazzer von dort live erlebt hat …)
Deutschsprachige Ausgaben:
Dick Francis: Grand Prix für Mord. Übersetzt von Norbert Wölfl. Goldmann, 1968. Auch unter dem Titel: Schnappschuss. Diogenes, 1998.
Dick Francis: Jede Wette auf Mord. Übersetzt von Sigrid Kellner. Ullstein, 1970. / Neu übersetzt von Nikolaus Stingl unter dem Titel: Hilflos. Diogenes, 1994.
Dick Francis: Milord liebt die Peitsche. Übersetzt von Brigitte Fock. Ullstein, 1970. / Neu übersetzt von Nikolaus Stingl unter dem Titel: Peitsche. Diogenes, 1995.
Dick Francis: Tod am Turf. Übersetzt von Ursula Bergmann. Ullstein, 1972. / Neu übersetzt von Michaela Link unter dem Titel: Knochenbruch. Diogenes, 1996.
Dick Francis: Ein Jockei auf Tauchstation. Übersetzt von Gisela Stege. Ullstein, 1974. Auch unter dem Titel: Schlachtritt. Ullstein, 1987. / Neu übersetzt von Jobst-Christian Rohjahn unter dem Titel: Schlittenfahrt. Diogenes, 1996.

Christie_Seven (91x150)Agatha Christie: The Seven Dials Mystery. 1929.
Ich sagte es ja neulich schon: erstaunlich, diese Begeisterung Christies für finstere Geheimgesellschaften, dabei hat sie erkennbar keine Ahnung davon, wie die funktionieren (ich weiß das eigentlich auch nicht, aber so jedenfalls nicht!), und eigentlich waren die auch im englischen Krimi dieser Zeit so gut wie aus der Mode. Was sie aber kann, und damit beginnt hier auch die Erzählung, ist die Schilderung englischen Landlebens (hier auf Chimneys, das schon in einem früherem Roman vorkam), wie es der niedere Adel führt – bzw. was sich die Bürgerlichen so darunter vorstellen. Die eigentliche Protagonistin des Buches tritt allerdings erst später auf, dann aber mit Wucht. Sie ist eine unabhängige höhere Tochter, sehr energisch (was wir an ihrem Fahrstil erkennen) und nicht unbedingt darauf erpicht, sich möglichst schnell zu verheiraten. Ich war dann auch sehr erstaunt, wie fix, ja geradezu unvermittelt sie später in die Arme von – doch halt, so schnell geht’s nun auch wieder nicht. Bis dahin ist es jedenfalls sehr wirr und sprunghaft.
Zum Buch: Der völlig überraschende und unerklärliche Mord an einem jungen Lord in besagtem Landhaus während einer Wochenendgesellschaft führt auf die Spur einer Geheimgesellschaft, die möglicherweise in die politischen Ambitionen einiger anderer junger Herren und älterer Wirtschaftsbosse verwickelt ist …
Deutschsprachige Ausgabe:
Agatha Christie: Der letzte Joker. Übersetzt von Renate von Walter. Scherz, 1975.

Millar_Stranger (90x150)Margaret Millar: A Stranger in My Grave. 1960.
Dieses Buch gehört zu meinen ganz frühen Krimis, mit „früh“ meine ich jetzt so das Alter von etwa siebzehn. (Vorher kannte ich eigentlich nur Sayers, Chandler und Sjöwall/Wahlöö.) Nun habe ich es erstmals seit mehr als dreißig Jahren wiedergelesen, jetzt auch auf Englisch, und war doch ziemlich beeindruckt.
Zum Buch: Zunächst einmal finde ich die Ausgangssituation genauso gruselig wie damals auch: Eine junge Frau träumt, sie habe ihr eigenes Grab gefunden – und im Wachen weiß sie auch ganz genau, wo es liegt. Nur kann sie sich nicht mehr erinnern, was sie an ihrem vermeintlichen Todesdatum wirklich getan hat. Sie heuert einen Privatdetektiv an, der ihr helfen soll, diesen Tag von vor etwa vier Jahren zu rekonstruieren.
Ich hätte mir (heute wie damals) gewünscht, daß die Autorin die Sicht der Protagonistin durchhält; im Laufe des Buches schwindet das unheimliche Element vom Anfang und wird durch ein weniger unheimliches ersetzt. Heraus kommt eine kühle Beschreibung einer feindseligen gesellschaftlichen Atmosphäre im Kalifornien der 1950er Jahre, auch und gerade, was die Einstellung zu Frauen allgemein angeht. Manche der Dialoge sind so voller seelischer Grausamkeit, daß ich in Gedanken Fingernägel über Schiefer kratzen hörte – das hat Millar schon sehr, sehr gut gemacht. Und ich fürchte, diese Situationen sind für manche Menschen heute auch nicht anders … Nur die Liebesgeschichte fand ich unglaubwürdig, aber vielleicht ist die auch der Zeit geschuldet. Lohnenswert ist das Wiederlesen allemal!
Deutschsprachige Ausgabe:
Margaret Millar: Ein Fremder liegt in meinem Grab. Übersetzt von Elizabeth Gilbert. Diogenes, 1969.

Aktuell:
Alte Krimis, neue Sachbücher, ein paar Märchen und Gedichtbände – und die Weihnachtsbücher!

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November 2013

30. November 2013

Liebe Reisend-Lesende und Lesend-Reisende,
der Monat war geprägt von Geschichte auf vielerlei Ebenen, sei es im Sachbuch, sei es in der Belletristik.

Hans-Otto Meissner: Eisenbahn-Safari. Bertelsmann, 1980.
Über den Meissner hatte ich ja neulich schon berichtet, und als mir jetzt dieser Band mit Erlebnisberichten von seinen Eisenbahnreisen in die Hände fiel, hab ich ihn gern gelesen.
Zum Buch: Es hat schon was schwer Zeitreisendes, wenn ich heute (2013) in einem Buch von 1980 lese, wie der Autor 1936 von Schanghai nach Peking reist, und da er das etwa 1980 auch erst so geschrieben hat, finden sich im Text Erklärungen zur chinesischen Geschichte von 1936 und 1980, während ich jetzt vieles noch einmal nachschlagen mußte, denn in China ist die ganze Zeit über doch reichlich viel passiert … Weitere Bahnfahrten unternimmt Meissner gezielt, und in jedem Bericht ist seine Begeisterung über diese Art des Reisens mehr als deutlich spürbar. Er sagt auch selbst, daß er einige Strecken gefahren ist, weil er sie noch mit den historischen Zügen erleben wollte. Dazu gehört auf jeden Fall die australische Reise von Alice Springs nach Adelaide, aber mittlerweile bestimmt auch einige andere, und viele nicht nur aus technischen Gründen. Meissner fuhr in Australien auch von Sydney nach Perth und zurück; unternahm in Südamerika eine Reise von Buenos Aires nach La Paz; in Nordamerika von Los Angeles nach New York sowie von Vancouver nach Montreal; von Hannover bis Yokohama über Moskau und Nachodka (zumindest bis Moskau kann ich seine Eindrücke so gut nachvollziehen, war ich doch nur wenig später auf dieser Strecke selbst unterwegs); außerdem auch von Istanbul nach Teheran (1974); und mit einem Sonderluxusdampfzug kreuz und quer durch Südafrika. Und natürlich war er auch im Orient-Express unterwegs, dessen Geschichte er ausführlich schildert.
Es gibt im Buch ein paar Fotos, die seine Berichte illustrieren, aber mehr noch hätte ich mir bessere Karten gewünscht als diejenigen, die mit abgedruckt sind, denn nicht in allen sind seine Reisestrecken markiert. Ich bin zwar nicht unbedingt Eisenbahnfan (die Deutsche Bahn verleidet einem das oft erfolgreich), aber irgendwie doch, denke ich, wenn ich mich zum Beispiel vor dem Fernseher dabei erwische, daß ich solche Reisedokus (zum Beispiel durchs südliche Afrika) und Porträts historischer Dampfloks und ihrer Strecken ansehe (etwa in der SWR-Serie Eisenbahnromantik). Schönes Buch also, gerade heute besonders lesenswert.

Christie_Big4 (88x150)Agatha Christie: The Big 4. 1927.
Also wenn Christie eins nicht kann, dann Krimis mit internationalen Geheimgesellschaften von Verbrechern. Warum sie besonders in ihrem Frühwerk so oft darauf zurückgreift, ist mir schleierhaft. Die Zeit hat ja auch gezeigt, daß sie nicht deswegen berühmt geworden ist! Bei diesem Buch hatte ich mich gewundert, warum es teils als Roman, teils als Storyband aufgeführt wird, und siehe da: Es ist tatsächlich beides.
Zum Buch: Poirot ist einer internationalen Geheimgesellschaft von Verbrechern auf der Spur, die von vier besonders verbrecherischen Gestalten angeführt wird – sie sind Poirot irgendwie auf die Füße getreten, und jetzt nimmt er das so persönlich, daß er quasi in eigenem Auftrag ermittelt.
Jedes Kapitel ist zugleich ein in sich abgeschlossenes Abenteuer auf der Jagd nach den „Big 4“ wie eben ein Abschnitt der gesamten Jagd, so daß das Buch sich wie Fortsetzungsroman liest. (Ah – ich sehe gerade, daß dem in der Tat so ist; die einzelnen Kapitel erschienen als Fortsetzungsstories in einer Zeitschrift und wurden erst drei Jahre später zu einem Buch zusammengefaßt.) Insgesamt heute eher zäh zu lesen dank der vielen gleichartigen Versatzstücke, und da hilft es auch nicht, daß die Handlung eh unglaubwürdig ist.
Deutschsprachige Ausgabe:
Agatha Christie: Die großen Vier. Übersetzt von Hans Mehl. Scherz, 1963.

0237 (88x150)Daniele Varè: The Maker of Heavenly Trousers. 1935.
Noch ein Buch aus meiner Kindheit, so seltsam das klingen mag … Meine Eltern hatten zwar nicht viele eigene Bücher (wir haben uns kollektiv durch die Stadtbücherei „gefressen“), aber eine Handvoll der frühen Rowohlt-Taschenbücher standen schon herum, und wenn ich mal krank war und deshalb mehr Lesestoff brauchte als sonst, griff ich auch in dieses Regal. Dort stand unter anderem die China-Trilogie von Daniele Varé, offenbar ein Erfolgswerk der späten 1950er, obwohl bereits 1936 erstmals auf Deutsch erschienen.
Zum Buch: Der erste Band, also der Schneider, erzählt von einem europäischen Schriftsteller (woher genau, wird, glaube ich, nie gesagt), der 1917 in Peking lebt. Er nimmt ein italienisches Mädchen in seinen Haushalt auf, deren Mutter tot und Vater ständig beruflich unterwegs ist, und verliebt sich in sie; sie heiraten auch später. Umrahmt von Schilderungen seines alltäglichen Lebens und dem seiner chinesischen Umgebung schimmert hier und da ein Stück Zeitgeschichte auf: Unter den Europäern, die ebenfalls in Peking leben, sind auch Flüchtlinge aus dem zaristischen Rußland, darunter eine schöne junge Frau, die irgendwie in die Ereignisse um Rasputin und die beginnende Revolution verwickelt ist.
Das fand ich als Kind schon alles sehr exotisch, und als ich es jetzt nach mehr als zwanzig Jahren erstmals wiederlas, noch mehr: eine ungewöhnliche Mischung aus alter chinesischer und europäischer Kultur. Daniele Varé, der Autor, war Italiener, wuchs in England auf und war italienischer Diplomat, unter anderem Ende der 1920er mehrere Jahre in China. Seine Romane und Erzählungen, im Original zumeist auf Englisch verfaßt, sind heute anscheinend völlig in Vergessenheit geraten.
Deutschsprachige Ausgabe:
Daniele Varè: Der Schneider himmlischer Hosen. Übersetzt von Annie Polzer. Zsolnay, 1936.

Macdonald_UnterWasser (93x150)Ross Macdonald: The Drowning Pool. 1950.
Auch die „Neuübersetzung“ von 1970, die 1993 nur unter neuem Titel erschien, hätte ein bißchen überarbeitet werden können – inzwischen liest sie sich wirklich leicht angestaubt und beweist damit wieder einmal, daß zwar das Original niemals altert, weil es ja in seiner Zeit bleibt, Übersetzungen aber durchaus, weil das Lesepublikum heute einen anderen Kenntnisstand hat als etwa 1970 oder 1993. Und während die Zeit des Originals beim Lesen deutlich bleibt – Ross Macdonalds Buch spielt eben eindeutig in den späten Vierzigern, der Krieg ist noch nicht lange vorbei, Männer gehen nicht ohne Hut und Frauen verhalten sich seltsam -, so habe selbst ich als Übersetzerin nicht immer klar vor Augen, wann die Übersetzung angefertigt wurde, die ich gerade lese.
Aus diesem Buch hab ich jetzt kein griffiges Beispiel, aber an dieser Stelle zitiere ich gern noch mal mein Lieblingsbeispiel aus dem Filmbereich: In The Last Picture Show / Die letzte Vorstellung von Peter Bogdanovic aus dem Jahre 1971 sprechen sie im Film in der synchronisierten Fassung von „Fußball“, während sie sich eindeutig einen ovalen Ball mit den Händen zuwerfen, und von „Käsetoast“, den es zum Abendessen gibt (und der überhaupt nicht wie Toast aussieht). 1971 mußte man das so machen, weil hierzulande noch kaum jemand wirklich wußte, was Football und Cheeseburger sind, und wir wußten auch quasi nichts über das US-Schulsystem und daß die „highschool“ nicht unbedingt mit unserem Gymnasium gleichzusetzen ist. Und es ändern sich ja auch die Prioritäten in der Übersetzungsarbeit an sich. Heute wäre es eigenartig, diese landestypischen Begriffe überhaupt einzudeutschen – aber vor sechzig, achtzig Jahren (und früher) beispielsweise war es gang und gäbe, gnadenlos alles bis hin zu Eigennamen zu „übersetzen“, so daß man in einem übersetzten US-Roman unter Umständen der Amerikanerin „Frau Müller“ begegnet.
Zurück zu Ross Macdonald, der mit wirklichem Namen Kenneth Millar hieß, aber seiner damals wesentlich erfolgreicheren Frau Margaret Millar keine Konkurrenz machen wollte (so zumindest die Legende).
Dies ist der zweite Band seiner Reihe um den kalifornischen Privatdetektiv Lew Archer, der neben Hammetts Spade und Chandlers Marlowe als einer der frühen großen Privatdetektive gilt. Archers Büro ist in Santa Teresa (das fiktionalisierte Santa Barbara, das – immer noch als „Santa Teresa“ – später auch Sue Graftons Privatdetektivin Kinsey Millhone als Basis dient), aber seine Fälle führen ihn oft in die umliegenden Vororte. Meist geht es um die Vergangenheit der Betroffenen, bis zurück in die Kindheit, in der sie Traumatisches erlebt haben, und wenn Archer ermittelt, dann deckt er quasi schichtweise immer tiefere Ebenen eines zunächst simpel erscheinenden Falls auf. (Aber was erzähle ich Euch schon über Ross Macdonald – bestimmt bin ich die letzte, die seine Bücher noch kaum kennt …)
Zum Buch: Archer wird angeheuert von einer Frau, die erpreßt wird und verhindern will, daß ihr Mann das erfährt. Sie legt Archer auch alle möglichen Steine in den Weg – beispielsweise soll er nicht mit ihrem Mann sprechen. Doch genau das will er natürlich ganz besonders, und so fährt er zum Wohnort ihrer Familie und lernt bald alle kennen, auch die Tochter seiner Klientin, ihre Schwiegermutter und den Chauffeur. Es geht nach der ersten Leiche schnell nicht mehr um die Erpressung, sondern um Geld, um Öl und vor allem um Macht, und alle sind bestrebt, alles zu vertuschen oder die Morde einem Außenseiter anzuhängen.
Ich kannte das Buch bislang noch nicht und hab beim Lesen dauernd gedacht: Wie würde man diesen Stoff heute präsentieren? Aber viel anders ist es heute sicher nicht, was das Verbrechen betrifft, doch beim Erzählen müßte man heute alle Frauen stark überarbeiten!
Deutschsprachige Ausgabe:
Ross Macdonald: Wer zögert, ist verloren. Übersetzt von Dietrich Bogulinski. Amsel, 1955. / Neu übersetzt von Hubert Deymann unter dem Titel: Kein Öl für Mrs. Slocum. Rowohlt, 1970. Auch unter dem Titel: Unter Wasser stirbt man nicht! Diogenes, 1976.

Aktuell:
Vorwarnung – ziemlich viel Pferdekrimi!

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